Stiftskirche St.Materniani et St.Nicolai Bücken

1. Das Triumphkreuz (1230)

Es ist verwandt mit ähnlichen Gruppen in Halberstadt, Wechselburg, Freiberg. Tod und Auferstehung Christi sind in ein Bild zusammengefasst: Engel  tragen das Todeskreuz zu Gott, das leere Grab ist am Fuß des Kreuzes dargestellt. Unter dem Kreuz Maria (19. Jahrhundert) und Johannes sowie die beiden Patrone Maternian (links) und Nikolaus (rechts, 19 Jahrhundert).

In dem in der Barockzeit überarbeiteten Balken unter dem Kreuz Maria, Jesus (ohne Buch) und die „lehrende Kirche“: 13 Apostelfiguren (ohne Judas, aber mit Matthias und Paulus).

Blick in die Kirche Richtung Osten

2. Die Steinkanzel (um 1250)

Ein spätromanisches Werk aus der Münsterländer Schule, das durch seine schönen Proportionen und den dezenten Schmuck wirkt. Die Dreigliedrigkeit ist ein Hinweis auf den dreieinigen Gott. Die barocke Mosefigur unter der Kanzel erinnert an die Predigt des Gesetzes, das romanische Triumphkreuz über der Kanzel an die Predigt des Evangeliums.

 
3. Der Taufstein (1867)

Nach Entwürfen von A. Hotzen hat der hannoversche Bildhauer Maßler Taufsein und Gips-Estrich um die Taufe geschaffen. Die Reliefs auf dem Taufstein zeigen Szenen aus dem Leben des hl. Bonifatius und der Arbeit der Hermannsburger Mission. Die vier Paradiesströme, die Tauben (Bild des heiligen Geistes) und die Hirsche (Psalm 42: Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.) sind Symbole, die auf die Taufe bezogen sind. Die ältere Barocktaufe steht im nördlichen Seitenschiff.

4. Das Chorgestühl (um 1340)

In diesem Gestühl saßen oder standen (deshalb Klappsitze) die Stiftsherren bei den täglichen Chorgebeten. Viele der figürlichen Darstellungen sind symbolische Aufforderungen zur Reinheit und zum Eifer im Gebet. Für die Datierung ist das Doppelwappen an der Wange zur Kanzel wichtig: Es sind die Wappen Karls IV (1316 - 78) und seiner ersten Frau, einer französischen Prinzessin, die er 1337 heiratete. Zur Kanzel hin findet sich ein Bildnis des Holzschnitzers, der seine Kunst als einen Kampf mit dem Chaosdrachen (dem Sinnlosen) versteht.

 

5. Der Altar (um 1510)

Der Altarschrein erinnert im Aufbau an den Lübecker Marienaltar im St.-Annen-Museum. Ähnliche Figurengruppen finden wir besonders im ostfriesischen Raum. Als Herkunft kann man an den Niederrhein denken.

Unten in der Predella sehen wir von links nach rechts: Ambrosius, Gregor den Großen, einen thronenden Kaiser, Augustin, Hieronymus.

Flankiert von zwei großen Bischofsgestalten (Maternian und Nikolaus?) zeigt das Mittelfeld die Kreuztragung mit dem sog. „Schweißtuch der Veronika“, die durch die schwungvolle Gestaltung des Zuges hindrängt zu der Kreuzigung im oberen Teil des Bildes. Darüber die Gottesmutter im Strahlenkranz.

Die Seitenflügel zeigen die zwölf Apostel. Von links nach rechts sind dargestellt:

Linker Flügel     oben: Andreas, Jakobus d.Ä., Petrus;

                         unten: Thomas, Matthias, Simon

Rechter Flügel  oben: Johannes, Bartholomäus, Judas Thaddäus;

                       unten: Paulus, Matthäus, Philippus.

Darüber zwei altchristliche Märtyrerinnen: Katharina (links) und Barbara (rechts).

 
Der kleine Altar unter dem Triumphkreuz wurde von Kunsttischler Litzkendorf aus Überresten des Gestühls in den Seitenschiffen und der Altarschranken geschaffen. Die Leuchter und die Christusfigur stammen von Sigfried Steege, Schwarmstedt.

 Blick in das Langschiff Richtung Westen

6. Das Sakramentshaus (um 1500)

Eine westfälische Arbeit in Sandstein, die in der Form eines gotischen Turmhelms etwa 8 m hoch ist. Eine Fülle von Formen, Heiligenfiguren, Ornamenten sind kunstvoll eingearbeitet. Den Abschluss bildet der Vogel Pelikan, der für das Mittelalter ein Symbol des Abendmahls war, weil man annahm, dass er seine Jungen mit seinem eigenen Fleisch und Blut speist.

Dieses Symbol bildet auch die Mitte des Fußbodens vor dem Altar. Alle Symbole und Bibelworte an der Wand und auf dem Boden sind auf das Sakrament des Altars bezogen.

7. Die Glasfenster (vor 1250)

Die spätromanischen Farbfenster stammen wahrscheinlich aus einer westfälischen Werkstatt. Das Mittelfenster ist von einem anderen Meister geschaffen als die Seitenfenster. 1867 hat Michael Welter die Fenster restauriert und ergänzt. Die letzte Restaurierung 1976/77 hat Schäden der Umweltverschmutzung beseitigt. Unter der Leitung von Dr. Frenzel führten die Werkstätten Dr. Oidtmann aus Linnich diese Arbeiten aus. 2013 wurden mit Mitteln der Landeskirche und der EU sämtliche Fenster gesichert und mit Schutzverglasung versehen.

Das linke Fenster stellt das Leben des hl. Maternian dar, umgeben von Patriarchen, Königen und Propheten des Alten Testaments. -

Das rechte Fenster  ist dem hl. Nikolaus gewidmet. Die Bilder aus seinem Leben sind umrahmt von den klugen und törichten Jungfrauen aus dem Gleichnis Jesu.

Das Mittelfenster verbindet das Leben Christi in den Außenfeldern mit dem Mess-Gottesdienst, bei dem die liturgischen Handbewegungen des Priesters gut zu erkennen sind. Der Künstler hat eine Fülle von Bildern, Ornamenten und lateinischen Sprüchen mit rhythmischer Kraft auf engstem Raum zu einer gegliederten Einheit zusammengefasst.

8. Die Wandgemälde (1867)

Die Ausmalung stammt von dem Maler Schröer. Das tragende Motiv ist das himmlische Jerusalem. In den Konchien rechts die Schöpfung, gegenüber der wiederkommende Christus, über dem Altar der thronende Herr, dem die Engel die Gebete wie Räucherwerk zutragen.

 

9. Der Bücker Kreuzweg (2001)

Seit dem März 2001 hängen 14 Tafeln aus Altkupferblech in unserer Kirche. Aus den verwitterten Dachscharten, die bei der Turmrenovierung 1998 herabgekommen waren, schuf der Künstler Holger Hirndorf aus Warpe einen Kreuzweg, der auch Bezug nimmt zu vorhandenen Kunstwerken unserer Kirche. Der Künstler hat dabei nicht einen historischen Jesus in biblischen Situationen abgebildet, sondern den Menschensohn in heutiger Gestalt. Der Kreuzweg beginnt mit der Nacht im Garten  Gethsemane. Die 14. Station mündet ein in die Auferstehung, dem Grund christlicher Hoffnung auf Erneuerung des Lebens.  Durchgehend sieht man auf den Stationen die Kirchtürme, deren Abriss und – bei der letzten Station – deren Erneuerung. Das Kupfermaterial hat auch eine symbolische Funktion: es stellt eine Verbindung zwischen Himmlischen und Irdischem dar. Der Gottessohn wird Mensch, leidet und stirbt, aber verbindet so Himmel und Erde miteinander, versöhnt Gott und Menschen.

Von demselben Künstler stammt auch die Brunnenfigur (Begleiter, lebendiges Wasser) auf dem Kirchenvorplatz.



Adelbert Hotzen (1830-1922)

und die umfassende Restaurierung der ehemaligen Stiftskirche in Bücken (1863-1868)

In der Mitte des 19. Jahrhunderts bot die bereits um 882 gegründete Stiftskirche in Bücken ein trauriges Bild: Das Langhaus war mit einem Satteldach versehen, das wohl schon seit 1750 das stark beschädigte Dach der Basilika ersetzte. Die neue Dachkonstruktion brachte es mit sich, daß die Querschiffarme (Konchen) im oberen Teil abgetragen und wegen des besseren Lichteinfalls die romanischen Fenster in den Seitenschiffen zu großen rechteckigen Öffnungen erweitert sowie die dahinterliegenden Arkadenbögen ausgeschlagen wurden. Einen traurigen Höhepunkt stellte 1802 der Abriß des Nordturmes dar. Dieser war allerdings so gründlich erfolgt, daß die angrenzenden Teile des Gebäudes beschädigt worden waren. Auch äußerlich lieferte der sogenannte ‚stumpfe Turm‘ in seiner zertrümmerten Gestalt eine höchst widrige Ansicht.

In einem Bericht der Kirchenkommission an das königliche Konsistorium aus dem Jahr 1822 vertrat der damalige Superintendent Grosshupf die Auffassung, daß die Hannoversche Regierung für die notwendigen Ausbesserungsarbeiten aufkommen müsse, da der Thurm und Pfeiler im Jahre 1802 auf Rechnung Königlicher Kammer zum Teil abgebrochen und die Steine davon verkauft sein sollen. Die Pflicht zur Unterhaltung der geistlichen Gebäude war mit der endgültigen Auflösung des Stiftes am Ende des Dreißigjährigen Krieges auf den Staat übergegangen. Durch die Einnahmen beim Abriß des ehemaligen Stiftsturmes hatte die Hannoversche Kammer faktisch die Unterhaltspflicht anerkannt und war damit einem Argumentationsmuster gefolgt, das auch für die Finanzierung der großen Baumaßnahmen 1863-1868 maßgeblich war.

Im Resultat hatte die wechselvolle Baugeschichte zu einem inhomogenen und stark vernachlässigten Gebäude geführt, bei dem die ursprünglich romanische Prägung kaum noch zu erkennen war. Erst durch die Initiative und engagierte Mitarbeit Adelbert Hotzens konnte der bauliche Verfall aufgehalten und der Kirche eine weitreichende architektonische Geschlossenheit zurückgegeben werden. Hotzen kam als elfjähriger Knabe im September 1841 mit seiner Familie nach Bücken. Grund für den Umzug der kinderreichen Familie von Grohnde über Rheden in den Marktflecken war der frühe Tod des Vaters und die Nähe zu Wechold, wo die ältere Schwester Johanne Marie Magdalene seit 1837 mit ihrem Ehemann, dem Theologen und ‚Erweckungsdichter‘ Carl Johann Philipp Spitta (1801-1859) lebte. Hotzen besuchte zusammen mit seinem Zwillingsbruder Otto das Domgymnasium in Verden. Während Otto Hotzen eine medizinische Laufbahn einschlug und auch gelegentlich als Dichter reüssierte, verließ Adelbert vorzeitig die Schule, um sich im Frühjahr 1848 als Volontair-Cadet‘ zum Militärdienst zu melden. Nach etwa vier Jahren nahm der hannoversche Leutnant seinen Abschied und strebte ein technisches Studium an. Durch Privatunterricht bereitete Hotzen sich auf das Architekturstudium vor, das er 1853-1857 an der Polytechnischen Schule Hannover absolvierte. Vom Vorlesungssaal ging es direkt in das Büro Conrad Wilhelm Hases (1818-1902), wo Hotzen u. a. mit den Werkplänen für die Marienburg beschäftigt war. Hase, der als Begründer der Hannoverschen Architekturschule gilt, hatte unter vielen anderen Projekten z. B. schon 1848-1856 die Restauration des Klosters Loccum geleitet.

Den ‚Sprung‘ in die Selbständigkeit wagte Hotzen 1859 mit der Gründung eines eigenen Architekturbüros in Hannover. In diese Zeit fällt beispielsweise der Bau der Schule in Hoya (1864/65) und die Innenrestaurierung der Klosterkirche Wienhausen (1865). Auch am Wiederaufbau der Goslarer Kaiserpfalz 1868-1871 war Hotzen beteiligt, damals aber schon als Beamter der Bauverwaltung. Den ersten großen Auftrag erhielt der junge Architekt aber mit der gründlichen Restaurierung der ehemaligen Stiftskirche in Bücken (1863-1868). In seinen ‚Erinnerungen‘ schreibt Hotzen dazu: Dieser Bücker Kirchenbau ist für mich sowohl für mein inneres wie äußeres Leben von so großer Bedeutung geworden, daß ich hierin eine besondere Gnadengabe Gottes erkennen muß.

Anlaß war offensichtlich ein Besuch in Bücken, bei dem der Kirchenvorstand gegenüber dem Architekten das Anliegen äußerte, eine Heizungsanlage in der Kirche zu installieren. Daraus wurde ein intensives Gespräch über den baulichen Zustand der inzwischen nur noch eintürmigen Kirche. Die Angelegenheit erfüllte Hotzen so, daß er die Hoffnung faßte und dem Kirchenvorstand aussprach, den Wiederaufbau des Thurmes von der Herrschaft zu fordern oder zu erbitten. Das Engagement Hotzens für Bücken rührt wohl aus einer besonderen Verbundenheit her, die der ‚Heimat-Kirche‘ galt, zu der ich mit meiner Mutter und den Geschwistern sonntäglich gegangen war, Gott zu loben und anzubeten, in der ich mit meiner Schwester Alma und meinem Ottobruder confirmirt und zum Abendmahl gegangen war und meine Seele oft zu meinem Schöpfer und Heiland erhoben hatte. Wie hatten diese alten, hehren Bauformen schon so früh mich mit ahnungsvoller Andacht erfüllt, und seitdem ihre Bedeutung und Zweck durch das Studium der Architektur mir erschlossen war, den Gedanken an die Wiederherstellung des mächtigen alten Baues in mir angeregt und zu vielen Luftbauten in stillen Stunden veranlaßt. Oft, wenn ich früher von unserm Kirchenstuhl in das Schiff der Kirche sah, baute sich vor meinen Blick[en] die alte Pfeilerbasilika auf und die Verunzirung durch die Einbauten und Priechen verschwanden. In Hotzens Skizzenbuch sind einzelne Zeichnungen von Kunstgegenständen, architektonischen Details oder Außenansichten der Kirche zu finden, die bis in das Jahr 1855 zurückreichen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das Vorhaben 1860 zusammen mit dem Historiker Onno Klopp durch die Publikation eines kleinen Heftes über die Geschichte und Beschreibung der Stiftskirche St. Materniani zu Bücken vorgestellt, dessen Ertrag zum Besten der Restauration der Kirche bestimmt sein sollte.

Mit dem Kgl. Finanzministerium Abt. für Domainen und Forsten wurde am 26. März 1861 auf der Grundlage der von Hotzen vorgelegten Pläne und Kostenanschläge eine Einigung erzielt, daß die behauptete Verpflichtung des Domainiums zur Unterhaltung der Kirche und der beiden Kirchthürme in Bücken ein Abkommen dahin getroffen ist, daß das genannte kgl. Ministerium zu der jetzt beabsichtigten Restauration der sehr schönen alten Kirche 5000 Taler und zur Herstellung des nordwestlichen Thurmes 12000 Taler zahlt, wogegen der Kirchen-Vorstand anerkennt, daß das Domainium für die Zukunft zur Unterhaltung der fraglichen Bauwerke nicht verpflichtet sei. Im Mai 1861 konnten zunächst einige dringend notwendige Ausbesserungsarbeiten am Südturm vorgenommen werden, dessen baulicher Zustand ein Gefahr drohender war.

Die wesentlich umfangreicheren Restaurierungsarbeiten begannen am 18. September 1863 mit der Einmauerung von Papieren und Geldmünzen. Vornehmliches Ziel der Arbeiten war nach Ansicht Hotzens, den mittelalterlichen Zustand der schrecklich verunstalteten Kirche wieder herzustellen: Neuerrichtung des Nordturmes, Wiederherstellung der Querschiffe und der Basiliken-Form sowie Beseitigung nicht-mittelalterlicher Zutaten (Fachwerksanbauten).

Nach der Neubedachung des Langhauses erhielt auch der Südturm eine neue Spitze, und das alte Satteldach verschwand. Nachdem die Arbeiten in diesem Bereich Weihnachten 1865 abgeschlossen waren, standen mit der Fertigstellung des Nordturmes am 23. Juni 1866 (wenige Tage vor der militärischen Niederlage des Königreichs Hannover) die Außenarbeiten kurz vor der Beendigung. Dazu schreibt Hotzens Mitarbeiter Adolf Narten in seinen Lebenserinnerungen (nach Kokkelink): Das Richtfest der Türme wurde gefeiert durch ein wirkliches Fest. Auf dem Platze vor der Kirche war ein großes Zelt aufgeschlagen, wo nach erfolgter Richtefeier mit allen Handwerksgebräuchen ein einfaches Essen u. Kaffee mit Kuchen eingenommen wurde. Dann folgte allgemeiner Tanz, und zwar nahmen außer den Werkleuten und Architekten an dieser Feier die Honoratioren Bückens und der Umgebung teil. Mit Erlaubniß des Landdrosten fand noch eine Nachfeier statt.

Die Renovierungsarbeiten im Inneren des Gebäudes und insbesondere an den wertvollen Kunstgegenständen zogen sich aber noch durch die Malerarbeiten des Kölner Kunstmalers Heinrich Ludger Schröer bis Ende April 1868 hin. Schröer, auch durch Arbeiten in Wienhausen und Bassum bekannt, war ein Schüler Michael Welters (1808-1892), der schon 1863 den Auftrag zur Wiederherstellung der stark beschädigten Glasfenster im Chorraum erhielt.

Über die Fertigstellung und Übergabe des Gebäudes kam es noch 1868 zum Streit zwischen der neuen preußischen Administration in Hannover und dem Kirchenvorstand. Dazu ist im Hoyaer Wochenblatt vom 11.7.1868 folgender Beitrag zu lesen: Die erneuerte Kirche in Bücken ist jetzt vollendet und gereicht dem Ort selbst, ja unserer ganzen Gegend, zu einer wahrhaftigen Zierde. Man muß anerkennen, daß die Wiederherstellung mit großer Hingebung und tiefem Verständnis altchristlicher Kunst durchgeführt ist, so daß das neu Hinzugekommene mit dem vorhandenen Alten gleichsam aus einem Geiste herausgeschnitten erscheint [...]. Leider konnte die jüngst anberaumte Einweihung des Gotteshauses bislang nicht zur Ausführung kommen, weil dem Benehmen nach der Kirchenvorstand unter allerlei Einwendungen die Annahme des vollendeten Baues aus den Händen der Baubehörde verweigert [...]. Es wird die Befürchtung geäußert, daß das Verständnis für das neuerstandene, mit seltener Freigebigkeit von der Regierung ausgestattete Bauwerk [...] gerade in den Kreisen außerordentlich schwach ist, denen die Fürsorge für seine Unterhaltung in Zukunft obliegen wird. So hat ein Kirchenvorsteher gesagt: Die Bemalung der Kirche im Innern (das ein stylisch und technisch gleich verdienstvolles Werk des bekannten Malers Herrn Schroer aus Köln) sei eine überflüssige Zuthat, ihre Unterhaltung werde der Gemeinde nur unnütze Kosten auferlegen und man würde bald Alles wieder mit Kalk überweißen.

Eine von den Behörden geplante Einweihungsfeier wurde vom Kirchenvorstand für unnötig erachtet, denn es sei ja nicht ein Neubau, sondern eine Restauration und die Kirche sei während der Restauration, wenn auch nur theilweise, zum Gottesdienste benutzt und sie sei seit Palmarum [5.4.68] des Jahres in voller Benutzung gewesen. Sollte dennoch auf eine Einweihung bestanden werden, müsse zunächst eine Übergabe unter Hinzuziehung eines Sachverständigen erfolgen. Am 18. Juni kam es endlich zu einem Treffen aller am Bau beteiligten Parteien, in deren Verlauf der Bückener Kirchenvorstand eine längere Liste mit Baumängeln vorlegte:

  • Orgel und nördliche Grenzmauer nicht fertig,
  • neues Chorgestühl und Glockenstuhl durch Nachtrocknung schadhaft,
  • über Kanzel fehlt Schalldeckel,
  • Brüstungen der Priechen zu niedrig, bei der Orgelempore dagegen zu hoch,
  • Durchfeuchtungen an vielen Stellen durch schlechte Entwässerung,
  • Glocken nicht nach Wunsch der Gemeinde aufgehängt,
  • Dacheindeckung der Türme in Schiefer führt zu Sturmschäden, ebenso Querschiffe mit Ziegeleindeckung,
  • Risse im Südturm sind nur verstrichen worden.
Der Gemeinde wurde in einigen Punkten ein Entgegenkommen zugesichert, doch auch zum Jahresende 1868 war man noch keinen Schritt weiter gekommen. Inzwischen hatte ein Sturm die Befürchtungen der Kirchenvorsteher bestätigt und Schäden an den Dächern verursacht. Vermutlich hätte die Königliche Civiladministration in Hannover die Kosten für die Ausbesserungsarbeiten übernommen, doch landete etwa zur gleichen Zeit ein Bericht des inzwischen in Goslar tätigen Hotzen über den Zustand der Stiftskirche auf dem Tisch der preußischen Beamten. Darin beklagt der Architekt den ungepflegten Zustand der eben restaurierten Kirche: Dicker Staub auf dem Gestühl, Spinnweben vor den kostbaren Glasfenstern, viele unnötige Haken und Nägel für die Weihnachtsbeleuchtung in den Wänden und damit auch in der Malerei Schröers. Dies führte zu weiteren Auseinandersetzungen und zu neuem Verdruß, der einen Termin für die Übergabe des Bauwerks über die Ende 1871 abgeschlossenen Arbeiten an der Orgel hinaus ins Unbestimmte rückte.

Über die persönliche Bedeutung der Bückener Kirchenrestaurierungsarbeiten bemerkt Adelbert Hotzen: Jetzt konnte ich den alten romanischen Bau wieder herstellen. Aber nicht nur verdanke ich dem alten Bau eine Festigung meiner äußeren Stellung, sondern auch eine Förderung in der schwierigen Frage der Unterscheidung zwischen ursprünglichen und später hinzugefügten Bautheilen, eine Schärfung meines architektonischen Blickes. Und was mir besonders wichtig war [...], daß meine liebe Mutter an diesem Bücker Kirchenbau es erlebte, daß ich als Baumeister mir Anerkennung erwarb. Diese Anerkennung ließen er und seine Geschwister auch der Mutter zuteil werden, indem sie ein Glasfenster für die Frau Oberförsterin stifteten, das ganz in der Nähe ihres angestammten Sitzplatzes über dem Chorgestühl in das südliche Nebenschiff eingesetzt worden ist. Verpflichtet fühlte sich Hotzen auch König Georg V. von Hannover, der die Baumaßnahme gefördert und für 1867 einen Besuch angesagt hatte, dann aber nach der Annexion Hannovers durch Preußen ins Exil gehen mußte. Als Ausdruck seiner Verbundenheit mit den Welfen ließ er vom Kirchenbau eine Art Rechenschaftsbericht in Form eines Albums mit einer Reihe von photographischen Aufnahmen über den Zustand vor und über den Zustand nach der Restauration anfertigen. Darüber hinaus hat Hotzen auch auf einer Steintafel in der westlichen Vorhalle dem Gönnertum des hannoverschen Königs ein kleines Denkmal gesetzt: Was vordem der Unverstand / Trüber Zeiten fast vernichtet, / Hat des Königs offne Hand / Jetzt von Neuem aufgerichtet. // Gott, schütt‘ auf ihn und auf Sein Haus / Den besten Deiner Segen aus!

Adelbert Hotzen ist der Vorwurf gemacht worden, daß er die ehemalige Stiftskirche durchgreifend, jedoch ohne Verständnis restauriert habe (Drögereit). In einem anderen Kunstführer wird dagegen geurteilt, daß der Architekt das stark verwahrloste Gebäude geschickt zu einer Einheit zusammengefaßt habe (Dehio/Weiß) und Christoph Gerlach stellte 1993 sogar fest, daß Hotzen durch sein Einfühlungsvermögen und Geschick 1863-68 sozusagen ein neues Bauwerk [schuf], dessen künstlerischer Wert mittlerweile hohe Anerkennung findet.

Nicht zu unterschätzen sein wird auch das Engagement und die organisatorische Kraft Hotzens, der es immerhin verstanden hat, die Vertreter unterschiedlicher Interessengruppen in der Arbeit für das Bückener Kirchenprojekt zu vereinigen und damit die arg zerschundene Stiftskirche nicht nur vor dem endgültigen Zerfall zu retten, sondern in ihrer eindrucksvollen Gestalt bis in unsere Gegenwart zu erhalten. Um in dieser Hinsicht die Bedeutung Hotzens zu ermessen, genügt eine Vorstellung davon, welche Chancen wohl ein solches Vorhaben in unserer Zeit gehabt hätte!

Cord Meyer